Liebe Merle,

ich schreibe dir heute einen Brief. Mittlerweile bin ich, also du – 33 Jahre alt und du bist in den letzten drei Jahren nicht nur älter geworden, sondern auch erwachsen und gewachsen.

Heute ist der 3. Dezember 2012 – es ist nachmittag und du sitzt seit ein paar Stunden in der Lobby des Münchener Krankenhauses und starrst noch draußen.

Vorhin hat der Oberarzt Dinge zu dir gesagt, die du noch nicht begreifen kannst… ‚Sie haben Gebärmutterhalskrebs, es ist fortgeschritten, in den kommenden Tagen finden wir heraus, wie schlimm es ist….sie müssen rasch operiert werden…sie sind hier auf jeden Fall gut aufgehoben…‘

Seitdem hast du mit ein paar meiner Freundinnen und deiner Mama telefoniert, alles an das du dich nach Jahren erinnern wirst, sind die Worte deiner Mutter: ‚Kind, wir schaffen das. Ich hab es damals geschafft und du schaffst es jetzt auch.‘

(Meine Mutter hatte die Diagnose Brustkrebs bekommen, als ich 16 Jahre alt war)

Cancerversary

Was dann alles passieren wird, erinnert dich noch Ende 2015 an einen Spielfilm. Du wirst dich selbst aus der Klinik entlassen, du wirst deine Fähigkeiten als Redakteurin nutzen um dir einen Stab an Experten und ‚Gesundheitshelfern‘ für deine Erkrankung zusammenzusuchen, du wirst Weihnachten im Krankenhaus mit einer frischen 30cm Narbe verbringen, du wirst im Frühjahr eine Chemotherapie beginnen….später wirst du in die Reha gehen und danach eine Traumatherapie beginnen.

Dein ganzes bisheriges Leben wird sich auf den Kopf stellen.

Du wirst leiden, weinen, voller Schmerzen sein, wütend sein, traurig sein, Todesangst haben, du musst schmerzliche Abschiede durchgehen und vor allem wirst du dich alleine und einsam fühlen.

Aber du wirst auch unfassbar schöne Momente erleben. Du wirst lernen, das Leben wirklich zu lieben und wertzuschätzen. Du wirst das Gefühl bekommen, alles intensiver wahrzunehmen. Du wirst weiterhin reisen. Deine Augen und dein Herz werden diese Welt aufsaugen. Bewusst. Du wirst aufhören, deine Grießnockerl – Tütensuppe und Fertigpizza zu essen, du wirst stattdessen anfangen zu kochen und soll ich dir was sagen? Du wirst es lieben, für dich zu sorgen… Ob auf dem Teller oder in deinem Herzen!

So lange Jahre liefst du davor weg, in der kommenden Zeit wirst du keine Möglichkeit mehr haben, dir selbst zu entwischen. Du wirst anfangen, dich wertzuschätzen, du wirst ein Bauchgefühl bemerken, dass sich immer dann meldet, wenn sich etwas schön anfühlt oder gerade das Gegenteil. Und du wirst Vertrauen bekommen, diesem Bauchgefühl nachzugehen. Nicht immer. Aber Tendenz steigend.

Du wirst dankbar sein. Dankbar für dein Leben und deine Lieben, die für dich da sind!

Ich sehe dich vor mir sitzen, dort in dem Rollstuhl am Ende des Krankenhausflures, ich sehe deine traurigen Augen, ich spüre sie, deine Angst, was und wie wohl alles kommen wird.

Cancerversary2

Liebe Merle, ich wünsche dir, dass du nie den Mut verlierst. Dass du daran glaubst, dass alles gut wird. Insgeheim weißt du doch, dass du auch diese Aufgabe deines Lebens meistern kannst.

Ich wünsche mir auch, dass du daran glaubst, dass an diesem Tag, dem 3. Dezember auch Jahre später noch Schönes passieren kann. Wunderschönes. Denn so wird es sein.

Wie der Autor Haruki Murakami so schön sagt:

“And once the storm is over, you won’t remember how you made it through, how you managed to survive. You won’t even be sure, whether the storm is really over. But one thing is certain. When you come out of the storm, you won’t be the same person who walked in. That’s what this storm’s all about.”

So wird es sein. Vertraue!

In Liebe, deine Merle (deren Tränen kullern, während sie dir das hier schreibt)